Im Beitrag „Die Sensorensuppe“ hast Du bereits einiges über die Entstehung von Schmerzen erfahren. Zusammengefasst, weißt Du jetzt, dass Dein Gehirn als Schaltzentrale fungiert und Schmerzen die Antwort deines Warnsystems sind.

Außerdem weißt Du, dass die Intensität des Schmerzes NICHT unbedingt mit der Größe der Gewebeverletzung zu tun hat.

Du hast erfahren, dass es Neuronen gibt, die für die Weiterleitung von Reizen oder Erregung zuständig sind und dass das Ende der Neuronen „Synapsen“ heißt. An diesen Enden sitzen Sensoren und die möchte ich heute noch ein wenig genauer mit Dir betrachten. Es ist nämlich wichtig, dass Du weißt, dass Du diese Sensoren beeinflussen kannst und somit einiges selbst dazu beitragen kannst, Deine chronischen Schmerzen zu verbessern.

Anpassung

Ich habe Dir von der Sensorensuppe erzählt. Das heißt, dass Dein Nervensystem extrem anpassungsfähig ist und innerhalb von Sekunden die Sensorensuppe so zusammensetzen kann, dass je nach Gefahrensignal, dementsprechende Sensoren sensibler bzw. durchlässiger werden für erregende Botenstoffe. Kurzfristig sind Deine Neuronen somit sensibler für erregende Chemikalien [1,2]. Es kann also passieren, dass ein Reiz einen Schmerz auslöst, der vorher schon sehr weh tat, aber jetzt noch mehr schmerzt. Das funktioniert aber auch andersrum: Reize, die vorher keinen Schmerz ausgelöst haben, lösen dann Schmerzen aus. Das ist von Vorteil, wenn beispielsweise eine ständige Überbelastung dazu führen würde, Gewebe auf Dauer zu schädigen.

In solch einer Situation öffnen sich die Sensoren und lassen diesen Reiz und die Informationen in die Gefahr meldenden Neuronen hindurch. Neuronen sind die Bahnen, die dafür zuständig sind, Erregungszustände weiter zu leiten. Die Neuronen wiederum fahren ihre eigene Produktion an Sensoren hoch, die die gefahrmeldenden Informationen durchlassen. Noch dazu bilden sie „Back up“- Sensoren, die zunächst keinen Auftrag haben, aber es ist gut, sie zu haben, wenn sie gebraucht werden[3]. All das passiert schon auf Rückenmarksebene und noch nicht im Gehirn. Im Gehirn kommen die Reize erst an, wenn sie groß genug sind , also ein hohes Potential haben. Großartig also, dass wir so einen gut funktionierenden Körper haben.

Ist ja nur gut gemeint

Die Reize aus den Geweben führen dazu, dass sich sehr viele dieser Chemikalien, die die Sensibilität der Neurone erhöhen, an Deinen Synapsen ansammeln. Ebenso passiert es, dass Neurone, die zum Gehirn weiterführen weiter aussprießen. Vielleicht sind das nicht mal Gefahrenmelder- Neuronen, aber sie kommen in die Nähe derer[4]. Das bedeutet, dass auch die Chemikalien der „harmlosen“ Neurone, die Gefahrenmelder- Neurone erreichen.

Ein Beispiel hierzu:

Du hast Zahnschmerzen. Warum? Naja, Du hast vielleicht nicht gründlich geputzt und Dein Zahn ist kariös. Ein leichter Schmerz macht sich bemerkbar. An Deinen gefahrenmeldenden Neuronen kommt die Information an, dass da ein Problem vorliegt. Und weil Dein Körper Dich schützen möchte, öffnen sich jetzt sämtliche Sensoren, die dazu da sind, sämtliche Meldungen in die Neurone zu schleusen, die wichtig sind, um den Untergang deines Zahnes, des Zahnfleisches und im schlimmsten Fall des Zahnnervens zu verhindern. Ganz einfach ausgedrückt: Du wirst sensibel.

Und je länger du nicht dafür sorgst, deinen Zahn zu retten, desto schlimmer wird der Schmerz und sogar leichte Berührungen an der Wange werden schmerzhaft. Wieso? Vielleicht kannst Du die Frage jetzt schon selbst beantworten, warum eine Berührung wohl in diesem Kontext schmerzhaft sein kann. Berührungen sind doch eigentlich was angenehmes, oder?

Es ist so, dass die Neuronen, die die Information über eine Berührung ans Gehirn weiterleiten eben in die Nähe der Gefahrenmelde- Neuronen gewachsen sind und deshalb ein Schmerz durch Berührung entstehen kann. Ist super unangenehm, aber erinnere dich in diesen Situationen daran, dass Dein Körper und Gehirn Dich nur schützen wollen.

Zusammen mit dem Schmerz nicht gegen den Schmerz

Wahrscheinlich wartest Du schon die ganze Zeit drauf, wann endlich der Teil kommt, wie Du Deine Sensoren beeinflussen kannst.

Es gibt auch hier kein Kochrezept. Schmerzen sind individuell verschieden und auch die Faktoren, die zu Schmerz führen, sind total unterschiedlich. So gibt es zum Beispiel Menschen, die massive Veränderungen an ihrer Wirbelsäule haben und kaum Schmerzen empfinden (Ja, die gibt es, ich kenne einige) und dann gibt es Menschen, die offensichtlich keine degenerativen Veränderungen haben, dennoch aber unter unerträglich starken Schmerzen leiden. Diese Schmerzen nennt man „chronisch unspezifische Schmerzen“, dazu gehört u.a. auch die Diagnose „Fibromyalgie“, ein Schmerzsyndrom. Studien der Schmerzforschung zufolge besagen, dass z.B. die Stärke von Lendenwirbelsäulenbeschwerden äußerst selten mit dem Ausmaß krankhafter Veränderungen an der Bandscheibe oder den Nerven zu tun hat [5]. Die zwei am meisten vorkommenden Schmerzen sind übrigens Schmerzen im unteren Rückenbereich und Kopfschmerzen.

Unzählig viele Faktoren tragen also dazu bei, OB wir Schmerzen empfinden und WIE wir Schmerzen empfinden.

Alles in Deinem Körper passt sich an, um Dich zu schützen

Gedanken sind auch nur Nervenimpulse

Du solltest öfter hinterfragen, was Du über Deinen Schmerz denkst. Denn auch Gedanken oder Überzeugungen schaffen Nervenimpulse. Vielleicht bist du jemand, der ganz cool mit Schmerzen umgeht und nicht gleich ans schlimmste denkt, oder aber Du bist jemand, der katastrophisiert. „Oh Gott! Was ist da los? Es MUSS was Schlimmes sein!“ Dann gibts ein Feuerwerk an Deinen Gefahrenmelder- Neuronen und den Synapsen. Solltest Du also der Meinung sein, dass diese oder jene Bewegung nicht gut für Dich ist und dass es deswegen besser ist, sie nicht zu tun. Dann halte kurz inne und frage Dich, ob das denn wirklich so ist. Bist Du Dir zu hundert Prozent sicher, dass es die Bewegung ist?

Vielleicht kennst du Kopfschmerzen. Wie oft hast Du Dich schon mit der Überzeugung „Ich kann den Kopf jetzt nicht drehen, ich kann GAR NICHTS machen“ auf die Couch verzogen und nichts mehr getan, bis der Spuk vorbei war? Ich kenne es auch. Mich plagten seit meiner frühen Jugend extreme Kopfschmerzen bis hin zur Migräne. Mittlerweile habe ich zwar immer mal wieder Kopfschmerzen, aber ich weiß, dass es nicht viel bringt, sich tot zu stellen und abzuwarten. Ist im Übrigen generell keine gute Idee. Egal bei welcher Form von Schmerz. Tabletten erleichtern die Situation, ja, aber willst Du wirklich permanent Deinen Schmerz betäuben und gegen Deinen Körper arbeiten? Ziemlich unfair, jemanden zu betäuben, der Dir helfen will.

Komm Deinem Schmerz auf die Schliche, arbeite mit ihm und erlerne neue Gewohnheiten, um damit umzugehen. So signalisierst Du Deinem Gehirn, dass es nicht notwendig ist, Dich zu schützen und als Antwort Schmerzen zu senden. Ich hab meine Trigger kennengelernt und kann versichern, dass es besser wird, wenn man denn daran arbeitet. Im Übrigen noch eine Bitte: Lass Dir bitte, bitte nicht von Geschichten Deiner Bekannten erzählen, die „das auch schonmal hatten“. Es ist überhaupt davon abzuraten, sich irgendwelche Schmerzstories von anderen anzuhören. Wenn Du zu den Personen gehörst, die sowas aufsaugen, dann bist Du die oder der erste, der sich daran erinnern wird, wenn Du ähnliche Symptome hast. Versprochen! Du bist Du und die sind die anderen. Auch sowas kommt leider nicht selten vor in der Praxis. Vertrau Deinem Körper, der zeigt Dir schon die Richtung. Und ja, ich weiß, man hat leicht Reden, wenn man diese Schmerzen nicht hat. Und Du regst Dich auf, dass da schon wieder jemand um die Ecke kommt mit „Arbeite mit deinem Schmerz“. Aber es ist nicht so schwer, wenn Du wirklich dauerhaft was ändern möchtest und bis hierhin alles verstanden hast. Es ist wichtig, dass Du weißt, dass Du für Dich, allein oder mit Hilfe eines Schmerzoaches, Gewohnheiten aus Dir heraus entwickeln kannst. Keine Kochrezepte, keine Nackenkissen, keine Rückengurte, keine Wunderprodukte. Gewohnheiten, die für Dich realistisch und umsetzbar sind und Dich Deinem Ziel zur Schmerzfreiheit näher bringen. Du weißt, Dein Gehirn will Dich schützen, alles passiert in Deinem Sinne. Wieso sollte es auch was Böses wollen? (Das ist kein Esogerede, die wissenschaftlichen Nachweise findest Du am Ende dieses Beitrags)

Ganz schön sensibel

Manchmal kommen Patienten mit Schmerzen zu mir, die mir von Verletzungen erzählen, die schon einige Zeit zurückliegen. Da Gewebe heilt, kann man davon ausgehen, dass das Gewebe nicht mehr daran Schuld ist, dass Schmerzen entstehen. Der Schmerz entsteht viel mehr deshalb, weil das Gehirn immer noch auf „Schützen“ gepolt ist.

Vielleicht geht es Dir auch so. Letztes Jahr bist Du vielleicht gestürzt und hast Dir Deine Schulter verletzt. Aber irgendwie hast Du immer noch Schmerzen und zusätzlich dazu gesellen sich zu allem Übel auch noch Rückenschmerzen. Was viel hilfreicher ist, als sich in die Opferrolle zu begeben, ist es, Dich selbst ein wenig zu analysieren.

Stelle Dir die Fragen:

  • Was alles kann bei mir dazu beitragen haben, dass sich meine Sensoren so verändert haben, dass ich immer noch Schmerzen hab?
  • Warum denkt mein Gehirn, dass es mich immer noch schützen muss?

Natürlich kann es sein, dass ein Knochen nicht so geheilt ist, wie er sollte. In den meisten Fällen ist das aber so. Sollte Dir bekannt sein, dass Dein Knochen nicht so geheilt ist, wie er sollte, dann werde bitte bei einem Arzt vorstellig und lass es weiter abklären. Aber selbst das muss NICHT der Grund für Deine Schmerzen sein.

In allen anderen Fällen frage Dich oben gestellte Fragen.

Ich werde Dir hier jetzt keine Tipps geben, aber einige Faktoren nennen, die zu chronischen Schmerzen führen können. Punkte, die ich bei meinen Patienten und Klienten u.a. beleuchte.

Faktoren, die Deine Sensoren verändern können, können sein:

  • Schlafmangel
  • Stress
  • Kummer
  • Medikamente
  • unausgewogene Ernährung
  • zu wenig Bewegung
  • zu viel Bewegung und zu wenig Ruhepausen
  • negative Glaubenssätze
  • Hormondysbalancen
  • Vorerkrankungen
  • familiäre Probleme
  • Probleme im Job
  • das Immunsystem
  • Umweltreize
  • mangelnde Kenntnisse über Schmerzentstehung
  • Artikel in Zeitschriften!
  • Falschaussagen selbsternannter Spezialisten (das pflanzt sich leider sehr tief ins Hirn)
  • Krankheitsgeschichten von Bekannten, Verwandten und Freunden
  • Schmerzforen Betroffener (da tummeln sich haufenweise Horrorgeschichten)
  • etc.

Du siehst, die Liste ist lange und ich könnte noch unzählige Gründe aufführen, die zu Schmerzen führen. Ich möchte, dass du eine weitere wichtige Sache weißt:

Deine Schmerzen werden Dir keinen Schaden zufügen

Versuche, Dich zu ergründen, gehe kleine Schritte, stress Dich nicht mit der Ergründung (das wäre fatal), bleib geduldig mit Dir und Deinem Körper.

Mit meinen Beiträgen möchte ich Dir das Thema „Schmerzen“ näher bringen. Wenn Du Lust hast, mehr über Schmerzen und Schmerzentstehung zu erfahren, dann lade ich Dich herzlich zu meinen Schmerzworkshops ein, die (sobald Corona das wieder erlaubt) in regelmäßigen Abständen stattfinden. Desweiteren kann ich Dir das Buch „Schmerzen verstehen“ von David Butler und Lorimer Moseley sehr empfehlen.

[1] Yamanka,H., Noguchi, K. (2012) Pathophysiology of neurotic pain: molecular mechanismus underlying central sensitization in the dorsal horn in neuropathic pain. Brain and Nerve 64: 1255-1265

[2] Latremoliere, A., Woolf, C.J. (2009) Central sensitization: a generator of pain hypersensitivity by central neural plasticity. J.Pain:10:895-926

[3] McMahon, S.E. et al (eds) (2005) Wall and Melzack´s Textbook of Pain. 5th Edn.. Elsevier: Edinburgh

[4] Doubell, T.P. et al. (1999) The dorsal horn: state dependent sensory processing, plasticity and the generation of pain, in Textbook of Pain, Wall, P.D., Melzack, R. Eds Churchill Livingstone: Edinburg

[5] Jensen, M. (1994) Magnetic resonance imaging od the lumbar spine in people without low back pain. New Eng J Med 331:69-73

Literatur: „Schmerzen verstehen“ David Butler, Lorimer Moseley, 3. Auflage, Springer Verlag